Alles fing damit an, dass ein Filmstudio die
"Gesellschaft fuer historische Rechenanlagen e.V." um Beratung bat. Man drehe einen Film und muesste ein RZ aus den 70ern nachbauen. Ab diesem Moment konnte ich dem Kinostart nicht genug entgegen fiebern. Auf die Idee, das Buch zu lesen, kam ich bedauerlicherweise erst, als ein Jahr spaeter im Fernsehen ueber die Premiere des Films berichtet wurde. Ein grosser Fehler, wie sich herausstellte.
Die Rede ist natuerlich von "Der Baader-Meinhof-Komplex". Kontroverse Kritiken, darunter jede Menge pseudo-intellektuelles Gequake insignifikanter crâneurs konnten mich nicht abhalten, umgehend diesen Film sehen
zu muessen!
Mein erstes Fazit: Der Film war zu kurz, das komplexe Thema umfassend zu behandeln. So resultierte die Umsetzung dann auch in einer extrem komprimierten Darstellung der Ereignisse und einer willkürlich erscheinenden Selektion von Episoden. Die im Buch umfangreich rechechierten sozialen Umfelder und Hintergründe wurden gaenzlich unterschlagen. Statt dessen widmete man kostbare Film-Minuten der minutioesen Darstellung des in meinen Augen fuer das Storyboard eher unbedeutenden Dutschke-Attentats. Sicher wichtig für den Sturm auf den Springer-Verlag, aber als Auslöser haette stilistisch eine Szene aus damaligem Tagesschau-Material gereicht - wie an anderen Stellen auch.
Bereits zu Beginn des Films bedauerte ich, das Buch nicht komplett vorher gelesen zu haben. Die paar Seiten, die ich hinter mir hatte, waren unheimlich hilfreich, das Filmische virtuell mit dem Gelesenen aufzufuellen. Aber da ich eh plane, die DVD zu kaufen -- auch in der Hoffnung auf einen Director's Cut -- werde ich das fuer den Rest des Filmes ja dann nachholen koennen.
Die schauspielerische Leistung aller Akteure finde ich grandios! Vor allem die charismatische Ausstrahung Johanna Wokaleks alias Gudrun Ensslin, die kiminelle Energie Moritz Bleibtreus alias Andreas Baader und die immense Wandlungsfaehigkeit Martina Geddecks alias Ulrike Meinhof.
Wer sich nicht eingehend mit den historischen Ereignissen auseinandergesetzt hat oder gar Zeitzeuge war, wird es schwer haben, dem Film zu folgen und die Ereignisse einzuordnen. Fuer mich war es ein bedeutendes Stueck Geschichtsunterricht. Ich bin in der DDR aufgewachsen. Isoliert vom Weltgeschehen wurde sowohl politische als auch historische Bildung nach Gutduenken einer kleinen, sich selbst zur Elite ernannten Fuehrerschar zensiert. Den staatsbuergerkundlichen Lehrplan beheerschte eine Propaganda , die selbst Herrn Goebbels alle Ehre gemacht haette. Selbst nach fast 20 Jahren haben sich noch nicht alle Puzzleteile aneinander gefuegt. Aber das Gesamtwerk vervollstaendigt sich immer mehr. Aus diesem Grund kann ich nur sagen: Danke, dass es Buecher und Filme wie "Der Baader-Meinhof-Komplex" gibt. Mein Tip: Buch lesen, Film schauen, selbst Denken!